Leichtathletik-Europa-Cup am 23. und 24. Juni 2001 in Bremen

Aus dem “Nähkästchen” geplaudert
Von Herward Schmidt

Gräuliche Werbung (28.6.2001)
Big Brother is watching you (28.6.2001 mit Nachtrag vom 5.7.)
Mantel des Schweigens (29.6.2001)
Wen erwischte der Abstieg ? (30.6.2001)
Europa Cup - Doch nur Einzelwettkämpfe ? (3.7.2001)
Europa Cup - Für die Ehre des Heimatlandes ? (3.7.2001)
B & B als “Nestbeschmutzer” (4.7.2001)
Aufgelesen - aufgepiekt (4.7.2001 mit Nachtrag: Grafik “Reaktionszeiten” vom 5.7.)
Die Bremer Stadionrekorde (4.7.2001)
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Gräuliche Werbung
Wird das dezente Mausgrau im Bremer Weserstadion auch beim Europa Cup der Leichtathleten vorherrschen? Diese oder eine ähnliche Frage wurde in den Medien nach dem Fußball-Länderspiel am 29. Mai gegen die Slowakei gestellt -
die Werbeflächen vor den Rängen der "Arena des Nordens" waren damals mit langweiliger gräulicher Folie abgedeckt.
Natürlich war mir klar, daß im Weserstadion auch beim Europa Cup alle Werbeflächen abgeklebt werden mußten. Bei dem Fußball-Länderspiel war es schon deshalb notwendig, weil der DFB schließlich ein werbungsfreies Stadion gemietet und andere in's Fernsehbild zu setzende Sponsoren als die hansestädtische Stadion-Betreibergesellschaft hatte.
Die neuen Reklameflächen und zusätzliche 'laufende' Werbebanden wurden allerdings nur im Blickwinkel der Kameras auf
und hinter der Kunststoffbahn auf der gegenüber liegenden Seite aufgebaut - der große Rest insbesondere vor den Rängen blieb grau in grau.
Und beim Eurocup gab es - außer dem Hauptsponsor und Namensgeber SPAR - wieder andere internationale Sponsoren der European Athletic Association (EAA) und nationale des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und regionale des
Bremer Leichtathletik-Verbandes (BLV)- es waren um die dreißig insgesamt. Die Sponsoren hatten ihre Werbung meist gleich im Bündel (bundle) eingekauft und so prankten die Logos und Werbeslogans auf Plakaten, Flugblättern (flyers), Presse- mappen, Eintrittskarten, Banden und Flächen im Weserstadion und natürlich im Programmheft. Da im Gegensatz zum Länder- spiel die Kunststoffbahn beim Europa Cup aber anderweitig gebraucht wurde, verdeckten zumindest die neuen ebenerdigen Werbeflächen im ersten Rang einen Großteil des eintönigen Grau.
Konkurrierende Sponsoren waren 'verboten', so mußte der DLV auf seinen mit den drei Streifen 'offiziell' (nicht aber als Ausrüster) verzichten. Und das obwohl 'Konkurrent' RUSSEL ATHLETIC nur Textilien, aber keine Schuhe produziert usw. Und wo gibts es diese Textilien? Ach ja, bei den Shops for Winners oder im Sporthaus eines Warenhaus-Konzerns. Nur bei der Biersorte gab es keine Probleme, denn EAA und DLV haben die gleiche Perle der Natur. Selbst bei den Presse- konferenzen wurde darauf geachtet, daß nur Produkte der Sponsoren auf den Tisch kamen. Aber wir haben ja alle gelernt, ohne Sponsoren läuft nichts. So habe ich erstmals SPAR american cola getrunken.

Big Brother is watching you
"Jeden Furz mußt Du Dir von der EAA in England genehmigen lassen", stöhnte ein Bremer aus dem Organisationsteam des Europa Cup 2001. Gerade erst hatte ich es übernommen, das Programmheft für dieses 'event', dieses leichtathletische Groß- ereignis zu erstellen und so lächelte ich aus Höflichkeit verständnisvoll.
Doch auch mir sollte noch das Lachen vergehen.
Verständnis hatte ich noch dafür, daß man bei der European Athletic Association (EAA) die Anzeigen der nationalen und regionalen Sponsoren vor dem Druck sehen oder (ich sag es genauer) genehmigen wollte.
Kein Verständnis habe ich dafür, daß die EAA bzw. ihre Agentur Octagon 5 1/2 Seiten Anzeigen nachschiebt, jedes Mal  das Konzept des Programmheftes verändert werden und der Umfang des Heftes um acht Seiten vergrößert werden muß, man bei der Agentur kaum Ahnung von Satz- und Drucktechnik hat und ich über Mails und Telefonate nach England, in die Schweiz, nach Holland, Süd- und Westdeutschland die letzten Anzeigenvorlagen bis eine Woche nach vereinbartem  Abgabeschluß im Satzbetrieb "herbeigeprügeln" mußte.
Verständnis hatte ich auch dafür, daß im Text bei den Worten "Europa Cup" jedes Mal der Name des Hauptsponsors und Namensgebers SPAR voranzustellen ist.
Doch in die direkte Rede einer Athletin, wie "Ich freue mich riesig auf den Europa Cup", die vier Großbuchstaben einzufügen, diese Korrektur habe ich - wie an einigen anderen Stellen nicht übernommen. Kopfschüttelnd nahm ich zur Kenntnis, daß die EAA-Vertretern den Eingangssatz aus der Bewerbungsbroschüre Bremens zur Fußball-WM 2006  "Tina kennt ihn, Michael auch. Und Berti und Jon, Diego und Bruce, Elton und Franz" (den Ort der Begeisterung - das Weserstadion) nicht haben wollten; er fehlt daher - in der englischen Fassung!
Wütend bin ich aber geworden, als man mir einen Absatz in meinem Text "Der DLV wählte Bremen" gestrichen hat. Als die EAA schließlich auf seine Rechte als Veranstalter pochte und ich bei meinem Autorenrecht blieb, da mußte der ohnehin gegängelte BLV das Streichen des Absatzes im Satzbetrieb veranlassen.
Damit ihr Euch selbst ein Bild machen könnt, was in dem Beitrag darüber, daß der DLV mit dem Europa Cup Bremen zum 16. Mal als Austragungsort nationaler oder internationaler Wettkämpfe wählte, stand, hier nun der gestrichene Text:
"Die ersten Deutschen Meisterschaften nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankfurt/Main waren nicht ausgeschrieben, es gab noch keine Landesverbände und noch nicht den Dachverband DLV. Ein und zwei Jahre später waren nicht nur die sowjetisch- besetzte Zone ausgeschlossen, auch die Leichtathleten der französischen Zone und aus Berlin mussten illegale Wege nach Köln bzw. Nürnberg suchen. Erst 1949 konnten die Athleten aus den drei westlichen Zonen, aber nicht die aus der zwischenzeitlich gegründeten DDR ihre Kräfte im Bremer Weserstadion messen."
Nachtrag vom 5.7.2001:
PS. Wenn man mir mitgeteilt hätte, dass ich im letzten Satz eine falsche Information aus Zeiten des 'kalten Krieges' unkontrolliert übernommen hatte, das hätte ich verstanden und geändert: Am 7. September 1949 wurde in den drei west- lichen Besatzungszonen die Bundesrepublik Deutschland konstituiert - die sowjetische Zone antwortete am 7. Oktober 1949 mit der Ausrufung der Deutschen Demokratischen Republik.
Die Deutsche Meisterschaften fanden 1949 im Bremer Weserstadion vom 4. bis 6. August statt und etliche Athleten hatten sich unter falschem Namen in die Hansestadt geschmuggelt. Bei der Sitzung der Vereinigung der Landesverbände im Bremer Rathaus wird die Wiedergründung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes zum 12. November 1949 (München) beschlossen.

Mantel des Schweigens
Über Doping spricht und schreibt man bei der European Athletic Association (EAA) nicht - darüber wird offenbar der Mantel des Schweigens ausgebreitet. Anders kann man die Tatsache, dass das Ergebnis der Superliga des Europa Cups
in Gateshead 2000 bei den Frauen nachträglich 'klammheimlich' geändert wurde, jedenfalls nicht verstehen.
Meine ins Englische übersetzten Texte für das Programmheft kamen von der EAA 'korrigiert' per mail zurück: Die uner- wünschten Textteile waren durch- und die neuen einzufügenden unterstrichen - die Änderungen wurden von mir vorgenom- men, doch bevor ich die neue Fassung an den Satzbetrieb per mail weiterleitete stutzte ich bei der Aufstellung des vorjährigen Endergebnisses von Gateshead. Da waren zwar keine Zahlen durchgestrichen, aber dass die russischen Frauen 124 Punkte erzielten, das hatte ich bestimmt nicht geschrieben.
Ich kontrollierte nun alle Zahlen und siehe da bei den Frauen hatte Russland nun 124 statt 123 Punkte, Deutschland 111 statt 110, Frankreich 87 statt 86,
Rumänien 72 statt 80, Italien 79 statt 78, Großbritannien 78 statt 77 sowie die Absteiger Ukraine 71 statt 70 und Griechenland 56 statt 55.
Dadurch war Italien auf Platz 4 und Großbritannien auf die 5 vorgerückt und Rumänien - mit nur noch einem Punkt Vor- sprung vor dem Absteiger Ukraine - auf den sechsten Rang abgestürzt. Den rumänischen Damen war offenbar der erste  Platz in einer Einzeldisziplin nachträglich aberkannt worden!
Da war doch mal was? In Sydney? Melinte im Hammerwurf? Ich schaute in das offizielle DLV-Organ und in "Leichtathletik" steht in dem Bericht über diese Disziplin bei den Olympischen Spielen:
"Der eigentliche Hammer passierte bereits vor der Qualifikation. Mihaela Melinte, Europa- und Weltmeisterin ... mußte am Wettkampf gehindert werden." Zitiert wird dann eine Zwei-Zeilen-Meldung: " Die IAAF hat ... bestätigt, dass die ... Hammerwerferin ... aufgrund einer positiven Dopingprobe ... suspendiert wurde" und weiter heißt es, "der rumänische Verband wurde am 25. September informiert" - Melinte soll Anfang Juni bei einem Meeting in Mailand positiv auf Nandrolon getestet worden sein.
Der europäische Leichtathletik-Verband EAA hätte eigentlich genügend Zeit gehabt, die nachträgliche Änderung des Schluß- ergebnisses offiziell und öffentlich bekanntzugeben. Im Programmheft konnte ich noch die Kurve kriegen, doch dass im Internet das 'alte' Schlußergebnis stand, das war ärgerlich.
Doch zumindest einem konnte ich mit der Änderung eine Freude machen: Ein italienischer Coach hatte mir bei der EAA- Pressekonferenz zum Europa Cup eine Broschüre über seine Mannschaft für Bremen gegeben - und darin stand auch das
alte Ergebnis.
In der Leichtathletikhalle des Weserstadions traf ich ihn am Sonntag wieder und erzählte ihm in meinem nur noch bruchstück- haft vorhandenem Schulenglisch von der Veränderung. Er freute sich: "So we have one point more?!"
Der Italiener lachte noch lauter als ich ihm antwortete: "Not only one point, Italy came also on place four!" - Ob er vielleicht auch nur über mein miserables Englisch gelacht hat?

Wen erwischte der Abstieg ?
"Dem Abstieg knapp entronnen", titelten Weser Kurier und Bremer Nachrichten ihren Schlußbericht über den Europa Cup 2001 im Bremer Weserstadion. "Riedel und Stolle bewahren Männer vor Abstieg", stellt die Kreiszeitung fest.
Abgesehen davon, daß bei einem Endstand von 91 Punkten für die DLV-Männer ein Vorsprung von 15 Punkten vor  Spanien letztlich nicht knapp war, war das deutsche Team vor seinem bekanntlich stärkeren zweiten Tag tatsächlich auf
einem der beiden Abstiegsplätze.
Wer aber ist nun tatsächlich abgestiegen? Und wer bei den Frauen?
Der Europa Cup wird seit 1993 jährlich und in drei Ligen ausgetragen - Superliga, die erste und die zweite Liga in jeweils zwei Gruppen.
In Bremen war am 23./24. Juni die Superliga am Start: Bei den Männern gewann Aufsteiger Polen überraschend das Finale, dagegen muß neben dem letztplatzierten Griechenland der zweite Aufsteiger Spanien das Leichtathletik-Oberhaus wieder
verlassen. Bei den Frauen traf dieses bittere Los die beiden Aufsteiger Weißrußland und Tschechien.
Der Europa Cup war am 23./24. Juni aber nicht nur in Bremen angesagt. Am gleichen Tag kämpften die Nationalmann- schaften in der 1. Liga in der Gruppe A in Vaasa/Finnland und der Gruppe B in Budapest/Ungarn sowie in der 2. Liga in
der Gruppe A in Riga/Lettland und der Gruppe B in Nikosia/Zypern um Punkte für den Auf- und gegen den Abstieg.
In der 1. Liga gewannen in ihrer Gruppe bei den Männern Finnland und die Ukraine und bei den Frauen Polen und die Ukraine - diese vier Aufsteiger werden am 30. Juni und 1. Juli 2002 in Arles/Frankreich
beim Finale der Superliga des Europa Cups dabeisein.
Aus der 1. Liga sind bei den Männern Weißrußland und Irland, Jugoslawien und Bulgarien sowie bei den Frauen Belgien und Litauen, Österreich und Jugoslawien abgestiegen. Aufgestiegen sind dafür aus der 2. Liga bei den Männern Dänemark
und Litauen, Belgien und Österreich sowie bei den Frauen Norwegen und Lettland, die Schweiz und die Slowakei.
Wen die Ergebnisse der Wettbewerbe und die kompletten Schlußergebnisse interessieren, der kann die Webseite der European Athletic Association
www.eaa-athletics.ch anklicken.

Europa Cup - doch nur Einzelwettkämpfe ?
Ein Europarekord, sechs nationale Rekorde, ein Europa-Cup-Rekord und 21 Stadionrekorde in 39 Wettbewerben - ist das die sportliche Bilanz des großen Leichtathletik-Ereignisses im Bremer Weserstadion? Oder ist aus deutscher Sicht wichtiger, daß 'unsere' Frauen sechs Siege feiern konnten und mit 15 Punkten mehr als im Vorjahr erneut Platz Zwei belegen?
Oder der 'Warnschuß' für die Männer, die statt mit 101 Punkten und dem zweiten Rang wie in Gateshead mit nur 91 Zählern auf dem sechsten und letzten Nichtabstiegs-Platz landeten?
Beim Europa Cup, der inoffiziellen Europameisterschaft der Nationalteams, ging es für die Leichtathleten in diesem Jahr je- doch nicht nur um möglichst viele Punkte für ihre Mannschaft, sondern auch um das individuelle Erfüllen der Normen für die Weltmeisterschaften im August im kanadischen Edmonton.
So kämpften die Athleten Europas mit jeweils acht Mannschaften der Frauen und
der Männer nicht nur im Finale der Superliga in Bremen, sondern gleichzeitig am 23./24. Juni in zwei Gruppen der 1. Liga in Vassa/Finnland und in Budapest/Ungarn sowie in der 2. Liga in Riga/Lettland und in Nikosia/Zypern um den Auf- und gegen den Abstieg, aber auch um persönliche Höchstleistungen.
Kein Wunder ist es also, daß unbemerkt von der Öffentlichkeit insbesondere in der 1. Liga Leistungen erbracht wurden, die in elf der 39 Wettbewerbe besser als die Siegerzeiten und -weiten von Bremen waren. Beispielsweise warf der Finne Aki Parviainen den Speer 92,41 m weit, der Schweizer Andre Bucher lief die 800 m in 1:46,72 Minuten, über 1.500 m waren gleich sechs Läufer mit dem Portugiesen Rui Silva als Ersten (3:43,25) schneller, die Lettin Jelena Prokopcuka rannte in der 2. Liga die 3.000 m in 9:01,16 Minuten, der Rumäne Bogdan sprang 8,15 m und die Ungarin Tünde Vasci 6,82 m weit, die Bulgarin Svetla Pishtikova-Dimitrova hatte nach 12,61 Sekunden die 100 m Hürden und der Norweger Jim Svenöy die  3000 m Hindernis in 8:35,55 Minuten bewältigt, der Schwede Patrik Kristiansson sprang mit dem Stab 5,83 m hoch.
Zurück zur deutschen Sicht:
In den meisten Wettbewerben müssen die DLV-Athleten eine erste und eine zweite schwächere Norm erfüllen. Nur in den
Laufdisziplinen ab 5.000 m, im Gehen, im Mehrkampf und über 4 x 100 m reicht die einmalige Erfüllung der ersten Norm  aus, über 4 x 400 m muß die Addition der Zeiten der vier besten Läufer den Richtwert unterschreiten. Die deutschen Norm- erfüller, die beim Europa Cup in Bremen den ersten oder zweiten Platz belegten, konnten sich direkt ihre WM-Teilnahme sichern.
Und das klappte bei Michael Stolle und Lars Riedel, Grit Breuer, Ivonne Teichmann, Heike Drechsler, Nadine Kleinert- Schmitt, Franka Dietzsch, Kirsten Münchow und Steffi Nerius. Wie wichtig das z.B. bei Stabhochspringer Stolle war, sieht man daran, daß  er bei den Deutschen Meisterschaften mit 5,80 m 'nur' Vierter wurde, aber seit dem EC in Bremen die Fahrkarte, besser das Flugticket nach Edmonton bereits in der Tasche hat.
Trotz aller individuellen Einzelleistungen war und ist der Europa Cup ein Wettkampf der Nationalmannschaften. Das geht  auch daraus hervor, daß mit Ausnahme der Finnen keine Mannschaft der zuvor genannten überragenden Erstliga-Sieger den Aufstieg in die Superliga schaffte. Oder das belegt auch die Tatsache, daß im Weserstadion der Aufsteiger Polen u.a.  deshalb einen Durchmarsch an die Spitze machte, weil jeder Athlet mehr als einen Punkt machte.
Bremen sah also die am besten besetzten acht Frauen- und acht Männer-Mannschaften Europas in spannenden Wett- kämpfen und mit vielen Weltklasseleistungen.

Europa Cup - für die Ehre des Heimatlandes ?
Mit den Ausfällen derzeit könnte man zwei Nationalmannschaften bestücken - das meinte jedenfalls Rüdiger Nickel beim Europa Cup. Etwas übertrieben hat hier ja der Generalsekretär und Bundesausschuß-Vorsitzende 'Leistungssport' im
Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Aber der 'Aderlaß' durch das Fehlen der Leistungsträger Nils Schumann, Thomas Goller, Kofi Amoah Prah, Holger Blume, Damian Kallabis und Oliver-Sven Buder, Irina Mikitenko und Gaby Rockmeier war schon beträchtlich.
Da freuten sich die Bremer, daß Karsten Kobs, Charles Friedek und Ralf Aßmus, Heike Drechsler, Kirsten Bolm und Steffi Nerius vom DLV nachnominiert wurden. Verletzungen und Erkrankungen gehören nun leider einmal zum Sport und eine Heilung braucht seine Zeit, manchmal - wie jüngste Beispiele zeigen - lange, sehr lange Zeit. Darauf hat kein Veranstalter Einfluß, weder der Dortmunder Meeting-Chef noch der DLV bei Deutschen Meisterschaften, aber auch nicht die European Athletic Association (EAA) beim Europa Cup.
Aber auf zwei wichtige 'essentials' sollte die allmächtige EAA mal Einfluß
nehmen statt über ihre Londoner Octagon Marketing, ihr 'office' in Darmstadt oder ihren Schweizer 'Media and Internet Manager' massiv und kleinlich auf die örtlichen Ausrichter ungebührlichen Einfluß zu nehmen:
Die EAA sollte beim Europa Cup sicherstellen, daß der ohnehin sehr kurze Meldeschluß - für Bremen der 13. Juni; der 14. war Fronleichnam - eingehalten wird und die Meldungen nicht in kaum zu entziffernder Hand-, Druck- oder Schreib- maschinenschrift gefaxt, sondern gemailt werden und zwar in der zeitgemäßen Form, dass die Meldung datenmäßig z.B. auch für ein Programmheft weiterverarbeitet werden kann und nicht neu geschrieben werden muß. (Für den Schlußsatz, den Druck des Wettkampfteils und das Binden des Heftes standen nach der letzten verspäteten Meldung nur knapp drei Arbeitstage zur Verfügung!)
Und die zweite dringende Aufgabe für die EAA: Sie muß sicherstellen, dass internationale Spitzenathleten, zumal wenn sie  von ihrem Verband gemeldet worden sind, beim Europa Cup und nicht stattdessen bei einem geldbringenden Meeting starten. Das sollte auch für eine Gabriela Szabo gelten, die am 23. Juni die 3000 m nicht in Bremen, aber sechs Tage später bei der Golden Gala in Rom lief.
Es reicht doch auch, wenn ein selbsternannter welterfahrener großer Leichtathletikkenner bei der internationalen Cup-Presse- konferenz in Bremen das eigene deutsche Nest beschmutzt, sondern auch lauthals verkündet, daß er den Nichtstart von Szabo's Manager schon vor Tagen erfahren habe und die Russen ohnehin nur ihre vierte Garnitur meldeten.

B & B als "Nestbeschmutzer"
'Kollegenschelte' ist verpönt - 'Nestbeschmutzung', zumal noch die des eigenen, ist um vieles schlimmer.
Es war beschämend, wie die 'Kollegen' vom Sport-Blitz bzw. bei "Drunter und Drüber", wie 'Buten & Binnen' im Volks-
mund genannt wird, sich distanzierend und abfällig über die Zuschauerzahl beim Europa-Cup in Bremen ausließen. Vor der Veranstaltung hat Radio Bremen noch den Europa-Cup 'präsentiert', denn über achtzig Mal strahlte der Hörfunk "bremen
eins" einen Spot aus und das Regionalfernsehen machte 15 Mal mit einem Trailer Werbung für das Leichtathletik-Ereignis. - Der Sieg hat viele Väter, doch die Niederlage nur einen? Für Bremen war der EuropaCup jedoch keine Niederlage!
"Es ist nicht allein die Zuschauerzahl, die solch ein Ereignis zum Erfolg werden läßt", sagte Dr. Matthias Reick vor dem Medienereignis Europa-Cup. Die Zuschauerresonanz 1997 im Olympiastadion in München war mit zweimal 20.000
Zuschauern gut, 1998 St. Petersburg war hinsichtlich der Zuschauerzahlen und der Organisationspannen dagegen ein Flop.   In Gateshaed klagten die Athleten im vergangenen Jahr nicht nur über die Leere im Stadion, sondern auch darüber, daß die Zuschauer nur 'ihre' Landsleute anfeuerten. So hatte es sich der BLV-Vorsitzende und Orthopäde Reick auf die Fahne geschrieben, dem Europa-Cup wieder auf die Beine zu helfen.
Und das gelang in Bremen - hier erzählten die ausländischen Teilnehmer beim gemeinsamen abendlichen Essen über ihr angenehmes Gefühl, genau so angefeuert worden zu sein wie die Deutschen. Ehrlich gesagt, es wurden tatsächlich alle
Teilnehmer beklatscht und angefeuert, doch als Heike Drechsler ihren letzten Sprung hatte oder bei den abschließenden 400 m-Staffeln Schlußläuferin Grit Breuer der Konkurrenz enteilte und als Bremens einziger, sonst für Dortmund startender Lokalmatador Lars Figura in einem furiosen Endspurt dem deutschen Quartett überraschend noch den dritten Platz erkämpfte, da waren die Zuschauer aufgesprungen und noch lauter geworden.
Die Bremer hatten sich aber außer der üblichen Werbung mit Prospekten und Plakaten bei Veranstaltungen sowie im  Internet, der Reklame an Bussen, Eisenbahnbrücken, Plakatwänden und an Stellschildern von Parteien noch einiges einfallen lassen.
Im Vormittagsmagazin von Bremen Eins rührte Moderator und Volksläufer Andreas Schnur kräftig die Werbetrommel. Im Weserstadion war sein ebenfalls laufender Kollege Henry Vogt als zusätzlicher Moderator im Innenraum so gut ange- kommen, daß die beiden DLV-Sprecher ihn und seinen Assistenten Philipp Mehrtens (100 m 11,72 s) am liebsten gleich für die EM in München und die Hallen-WM in Wien verpflichtet hätten.
"Auch wenn am Ende mit etwa 32.000 Besuchern an beiden Tagen weniger als die angepeilten 20.000 Zuschauer pro Tag  ins Weserstadion kamen, dürfen die Bremer von sich behaupten, einen bestens organisierten Cup-Wettkampf veranstaltet zu
haben", heißt es in "Leichtathletik", dem Offiziellen Organ des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. - Über was haben sich die (Mies-)Macher vom Sport Blitz bzw. Buten & Binnen geärgert? Daß ihnen ARD bzw. ZDF die Herren Delling,
Poschmann, Adler etc. vor die Nase setzte? Oder warum haben sie Wasser auf die Mühlen derjenigen geschüttet, die immer noch glauben, aus dem Multifunktions-Stadion an der Weser eine reine Fußball-Arena machen zu müssen und zu können?

Aufgelesen - aufgepiekt
"Mann, auch hier geht die Technik immer weiter", entfuhr es mir als ich im Weserstadion die erste Ergebnisliste eines Sprint- wettbewerbs in den Händen hielt. Nicht nur der Europarekord und nationale Rekorde wurden angemerkt, die Windverhält- nisse, Zwischenzeiten und Fehlstarts aufgeführt, erstmals sah ich in Zahlen und in einer Grafik die Reaktionszeiten beim Startschuß.

Nun kann man bei 400 m Hürden, die ja wegen des zu erwartenden Kräftebedarfs verhalten angegangen werden, noch keine Schlüsse daraus ziehen, aber beim 100 m-Sprint ist das schon anders: So ist erstaunlich, dass die optisch vorne liegende  Gabi Rockmeier mit 0,125 Sekunden die schnellste Reaktionszeit hatte - unter 0,100 s wird als Fehlstart zurückgeschossen - und dennoch 'nur' Vierte in 12,38 Sekunden wurde. Und dass die Weißrussin dagegen mit 0,247 Sekunden die weitaus langsamste Starterin nur 3/100 hinter der Siegerin einlief!

"Der liebe Gott erhalte uns Langstrecklern die Ausreden", ist mein ständiger Schnack als Antwort, wenn ein Läufer oder eine Läuferin wieder mal mit dem Abschneiden bzw. der Platzierung hadert. Das scheint aber nicht nur bei Ausdauersportlern in unseren Regionen und darüber hinaus üblich zu sein, nein, auch beim Europa-Cup kam so etwas vor:
"Man hätte uns auch in die andere Richtung springen lassen können", begründete der deutsche Weitspringer Konstantin Krause seinen vierten Platz bei angeblichem Gegenwind. Ein Blick in die Ergebnisliste zeigt, dass der 33-Jährige bei drei gültigen Versuchen einmal kräftigen Gegenwind hatte, bei seinen beiden 7,60 m-Sprüngen 'unterstützte' ihn dagegen der Rückenwind mit + 0,4 bzw. + 0,7 m/s!
Nur Heike Drechsler hatte tatsächlich Pech: "Die Bedingungen waren durch den Wind sehr schwierig", denn sie hatte als einzige bei allen ihren Sprüngen Gegenwind (0,8 m/s, 0,8 m/s und 1,0 m/s) und alle Konkurrentinnen fast immer Rückenwind.
"Was? Das war doch Gegenwind!" meinte Gabi Rockmeier bei einem Blick auf den Windmesser. "Eigentlich ist eine 11,38 bei Gegenwind ganz ordentlich", diktierte sie später in die Notizblöcke der Journalisten. Die Medienvertreter konnten aber schwarz auf rosa nachlesen, daß es bei den 100 m der Frauen + 2,8 m/s Rückenwind waren. 100 m-Hürdenläuferin Kirsten Bolm: "Leider war heute zu viel Rückenwind, so dass keine schnellere Zeit möglich war." Rückenwind ja, aber nur 0,6 m/s. "Die Bedingungen waren für mich sehr gut", meinte Diskuswurf- Siegerin Franka Dietzsch, "obwohl nicht sehr viel Wind im Stadion war."
Übrigens: Die EAA hatte bei ihren Stadionbesichtigungen und Besprechungen in Bremen, die Richtung im Weit- und im Drei- sprung so festgelegt, daß nicht auch noch diese Wettbewerbe am Zielstrich (und vor der Zeitmessung) enden!

"Das ist mein Stadion", sagte Florian Schwarthoff beim Europa-Cup. Der 110 m- Hürdenläufer stellte 1995 im Weserstadion mit 13,05 Sekunden seinen noch heute geltenden Deutschen Rekord auf. "Auch als wir hinten lagen, kam ein richtiges Mann- schaftsgefühl auf. Ich glaube, es gibt keinen, dem der Europa-Cup keinen Spaß macht", zog Schwarthoff als DLV-Mann- schaftskapitän Bilanz.
"Das Publikum in Bremen hat mich ziemlich gepusht", räumte Stabhochsprungsieger Michael Stolle ein. "Es macht einfach Spaß hier zu laufen", sagte Grit Breuer strahlend nach dem großartigen Sieg der 4 x 400 m Staffel. "Du rennst los und auf einmal wird es schrecklich laut, ich dachte schon, ich werde von hinten überholt", beschrieb sie die lautstarke Unterstützung des Bremer Publikums.

PS. Das war wohl meine achte und letzte Nachbetrachtung zum Europa-Cup. Die Bremer Stadionrekorde hänge ich als Anlage für diejenigen an, die nicht mehr daran glauben, daß die Bremer Landesregierung ihre Zusage des Ausbaus mit einer
Kunststoffanlage einhält. Aber auch für die, die fest davon überzeugt sind, daß es auch künftig hochklassige Leichtathletik- Veranstaltungen im Weserstadion gibt - schließlich können ja nicht alle Deutschen Meisterschaften in Süddeutschland oder in den elf Jahre alten 'neuen Ländern' stattfinden.
Die Bremer Stadionrekorde (Word-Datei, 25 Kb)


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